Nach 3 Wochen on the road fangen die Ereignisse an zu verwischen….war das mit dem besoffenem Fan in Bünde oder in Stuttgart? Fiel ich ihn Hamburg oder in Hannover fast von der Bühne? Eindrücke bleiben – nur die Zuordnung fällt schwer.

Am ersten Tag kommen wir nervös im nördlichen Wilhelmshaven an. Busentladungshandbewegungen sind noch nicht erprobt; das Team ein weißer Fleck auf der Tourlandkarte, die Sagafans ein potentiell unfreundlicher Haufen, die Sagamusiker selbst eventuell größenwahnsinnige Divas. 3 Wochen später kommt uns nach unserem Gig in Mannheim Christian, Sagas Schlagzeuger entgegen und es ertönt: “Great job guys!“, die anderen Sagajungs lächeln uns freundlich an, in unseren Ohren ertönt noch der Applaus der Sagafans und im Magen schlummert das hervorragende Essen des Tourkochs Carlo. Unser Mischer bringt uns die Aufnahme unseres Konzerts, die er für uns mitgeschnitten hat, in den Backtagebereich und unser Lichttechniker freut sich, dass er die Lightshow auf unsere Musik abstimmen durfte. So war das fast jeden Abend. Die Tour war für uns ein voller Erfolg: die Sagafans musikalisch aufgeschlossen, die Sagamusiker freundlich und zuvorkommend, die Crew hilfsbereit und professionell. Besser hätte es nicht laufen können.

Die ersten Konzerte nutzen wir, um uns an die neue Umgebung zu gewöhnen. Für uns ist es neu, jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Die Eingewöhnungsphase wird durch die Unterstützung der Crew hinter der Bühne und den Zuschauern vor der Bühne erheblich verkürzt. An dem Abend ist der Laden rappelvoll, sogar hinter der Bühne (der Saal hat als „zweiten Stock“ eine Galerie, die rings um den gesamten Innenraum führt) stehen Leute. Es liegt etwas in der Luft: man merkt förmlich, wie ungeduldig das Publikum auf unseren Auftritt wartet. Das Zeichen zum Aufbruch ertönt! Unser Schlagzeuger Ludwig kämpft sich durch das Instrumentendickicht und ist wohl so erleichtert, als er heil sein Schlagzeugrefugium erreicht, dass er auch prompt zu spielen anfängt…und das 2 Takte zu früh! (die Geschichte wird zum Running Gag der Tour). Nach kurzer „progressiven Phase“ sind wir jedoch back on track . Das Konzert entwickelt sich schnell zum echten Erlebnis und wir sind euphorisch, als wir nach 37 Minuten die Bühne verlassen.

Auch menschlich bleibt uns die erste Tourphase besonders in Erinnerung. Um nicht ständig von Hotel zu Hotel reisen zu müssen, haben wir uns für die ersten vier Termine eine Ferienwohnung in der Nähe Hannovers gemietet. Es ist wirklich angenehm, nach einem Gig zusammen zu sitzen, um das Erlebte gemeinsam aufzuarbeiten. Hier sind 5 enge Freunde am Werk, eine Tatsache, die sich musikalisch auch auf der Bühne ausdrückt.

Natürlich gibt es auch weniger angenehme Momente. In Gersthofen kommen wir zwar musikalisch sehr gut an, es kaufen aber nach dem Konzert nur 13 Leute eine CD, was besonders schmerzt, da wir die Tournee durch den CD-Verkauf finanzieren müssen. Verkehrte Welt: in Stuttgart werden wir von den Fans nur mit Höflichkeitsapplaus bedacht, nach dem Auftritt steht aber eine beachtliche Schlange vor dem Merchandising Stand. Wir durchkreuzen also im Laufe der Tour nicht nur Dialektgrenzen, sondern bemerken auch, wie verschieden die Mentalität der Bewohner unseres schönen Landes sein kann.

Es überwiegen bei Weitem die positiven Erinnerungen. Da drängt sich z.B. Nürnberg ins Gedächtnis: ein tolles Konzert, bei dem wir auf der Bühne die Ketten des Vorbanddaseins ablegen, so lautstark empfangen uns die Fans. Oder natürlich das Konzert in Mannheim, unserer Heimatstadt, das trotz großer Nervosität auf unserer Seite blendend verläuft. Oder eben das letzte Konzert der Tour in Villingen-Schwenningen, bei dem nur etwa 300 Fans auftauchen (das Konzertzelt liegt mitten in der Pampa), was aber wegen des tollen Bühnensounds (furztrocken!) trotzdem tierisch Spaß macht.

Zu den positiven Toureindrücken gesellen sich noch die kleinen Missgeschicke, die uns das Leben on the road versüßen. Was haben wir nur gelacht! So kauft sich z.B. Frank , unser Bassist, eine Tafel Schokolade an einer Tankstelle. Beim nächsten Zwischenstopp fällt uns auf, dass wir wohl etwas früher hätten Rast machen müssen: sein gesamter Hosenboden ist mit einer dicken brauen Schicht überzogen. Auch ich leiste mir einige Fauxes Pas. Zu den erinnerungswürdigeren Episoden gehören ein unbeabsichtigter Kassensturz ( Philip: „Ist die Kasse offen?“ Frank: „Ja, sie ist offen. Nicht am Deckel nehmen!“ Philip: „Am Deckel nehmen? Würde ich nie machen!“ (Nimmt die Kasse am Deckel, Kassensturz erfolgt)) und eine Aktion, bei der ich versuche, einem Blinden unsere Mailingliste ans Herz zu bringen. Letztere ist zwar erinnerungswürdig, aber auf keinen Fall erzählungswürdig: ich schweige wie ein Grab. Wer nun denkt, dass die anderen ‚ungescholtenen' Bandmitglieder Matthias (Gitarre) und Vytas (Keyboards) glimpflich davongekommen sind, irrt. Ihre Missgeschicke werden demnächst im Alias Eye Bereich „ab 18“ gepostet. Von Ludwig „ich bin erster“ Benedeks Eskapaden ganz zu schweigen….

Traditionell wird ein solcher Tourbericht mit Danksagungen beendet. Wir wollen mit dieser Tradition ausnahmsweise nicht brechen. Was wäre eine Band ohne ihr Publikum? Ein ganz großes Dankeschön an alle Konzertgänger, die uns so freundlich empfangen haben! (Ein besonders herzliches Dankeschön an "die déjà vu erste Reihe", die uns immer lautstark angefeuert hat!) Die tollen Reaktionen haben uns einen gewaltigen Motivationsschub gegeben! Vielen Dank auch an die tolle Crew, die maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Tour für uns zu solch einem Erlebnis wurde. Natürlich möchten wir uns auch noch bei den 6 treuen Seelen bedanken, die uns so freundlich in ihren heiligen Hallen aufgenommen haben (der Mannheimer würde jetzt dahääm gröhlen). Ihr habt uns so eine Menge Geld und Ärger gespart...you know who you are! Last but not least möchten wir unsere Familien ganz fest drücken, die doppelt bestraft wurden: zuerst sind wir 3 Wochen nicht daheim und schauen nur kurz vorbei, um die Wäsche abzugeben und dann – oh graus – fällt uns nichts Besseres ein, als wieder komplett einzuziehen! Musikerfrauen haben's halt einfach schwer……

 

Tourbericht Bonn

Schon am Tag vor dem Konzert ist die Bonner Altstadt von auf jedem Lackzentimeterchen auf die kanadische Prog-Institution verweisenden Fahrzeugen aus aller Herren Länder vollgestellt, darunter etwa der Fuhrpark des französischen Chapters der Saga-Fanatics. Wir merken: Echte Saga-Enthusiasten reisen ihrer Band auf Tourneen selbst noch über Ländergrenzen nach.

Dementsprechend gut gefüllt war dann auch abends das Brückenforum. Was nicht zuletzt die Vorgruppe – und Grund unseres Hierseins – freute: Alias Eye aus Mannheim haben sich mit zwei berückend schönen Alben ("Field Of Names, 2001 und "A Different Point Of You", 2004) in die Herzen und Plattensammlungen vieler Art-Rock-Freunde gespielt – und überdies in eine Position, wo sie als Support für eine Saga-Tournee überhaupt in Frage kommen. Vergangenes Jahr hatten ja noch Ray Wilson und A.C.T auf diesem Karrieresprungbrett turnen dürfen, nun also Alias Eye, deren Motto ja immer schon war "The Readiness Is All". Obwohl nicht allzu viele aus dem Publikum sie gekannt haben dürften, gewann das Quintett bald das Interesse und durch ihre von freundlichem Understatement geprägte Art auch die Sympathien der Saga-Kohorten: "35 Minuten müsst Ihr aushalten", warnte Sänger Philip Griffiths (Sohn von Martin Griffiths, der schon mit Beggar's Opera Prog-Geschichte geschrieben hat). Seine Stimme, die er auch in den Dienst der nicht weniger wunderbaren Poor Genetic Material stellt, beeindruckte mit ihrer ziemlich einmaligen Verbindung von Power, Ausdruck und gleichzeitig fast schon knabenchormäßiger Klarheit gut ersichtlich auch die Saga-Fans, wie nach den ersten Takten etliche ungläubig und begeistert nach unten klappende Unterkiefer um uns herum belegten.

Die Setlist:
1. "A Clown's Tale: Der feurige Opener des aktuellen Albums, dessen orientalische Beschwingtheit auch live einen prächtigen Showstarter abgab.
2."Hybrid": Schlagwerker Ludwig Benedek entfesselt hier ein Rhythmusfeuerwerk ohnegleichen - wenn es eine gelungene Verschmelzung von Marschmusik und Progrock gibt, dann ist es der Mittelteil dieses fröhlichen Songs, bei dem auch Bassist Frank Fischer brilliert.
3 "The Great Open" gab Gitarrist Matthias Richter reichlich Gelegenheit, seine überragende Technik, darunter rasantes "Van Halen"-Tapping und abgedeckt "shuffelndes" Rhythmusspiel zu demonstrieren. Der Mann quetscht seine ESP förmlich aus, sein Spiel bleibt dabei aber stets melodiös und seine Miene auch in den wildesten Passagen unangestrengt.
4. "The Readiness Is All": In dieses vertonte Shakespeare-Zitat (Bereit sein ist alles) wurden live Zitate aus "Time Machine" eingefügt – dem wohl größten Erfolg von Beggar's Opera mit seinem süß singenden Leadgitarren-Thema. Dieses Treffen der Prog-Generationen klingt sehr harmonisch.
5. "On The Fringe" - eines der stärksten Stücke der Formation - wurde genau wie auf Platte auch live mit einem ehrfurchtgebietenden Didgeridoo-Part (seitens Philip) eingeleitet.
6. "Premortal Dance" mit wunderbarer Pianobegleitung von Vytas Lemke ließ den ersten Teil des Konzertes auf einer eindringlichen, fast flehentlichen Note ausklingen.
Da auch der Sound ausgewogen, druckvoll und doch klarzeichnend war, kann man sagen, dass aus so einer (Support Act-) Situation bis auf das etwas funzelige Bühnenlicht wohl überhaupt nicht mehr herauszuholen ist. Überraschend warmer Applaus belohnte eine der sympathischsten Formationen im ganzen ProgRock-Zirkus. Von diesem "Philly"sound gerne mehr, und möglichst abendfüllend!

(Klaus Reckert, Popfrontal.de)

Kurzinterview mit Philip Griffiths:

Was soll (wenn überhaupt etwas) eigentlich "Alias Eye" bedeuten?

Phil: Ohh... Philosophie zu solch später Stund! Alias bedeutet in der Übersetzung ja "Pseudonym"; Eye liest sich wie I - Ich - und Eye - Auge. Es geht also um Selbstfindungsprozesse in einer Gesellschaft, die sich primär auf visuelle Stimuli konzentriert. Clever, oder?

Du hast dich - ganz Gentleman - am Ende der Show ausdrücklich bei der Crew für tolles Licht (na ja) und Sound bedankt. Wie seid ihr generell von Saga und der Tourcrew behandelt worden?

Phil: Sehr gut! Wir durften eigentlich alles benutzen (außer der Geilomeilo-Lightshow natürlich), unser Mischer hat immer genug Zeit beim Soundcheck gehabt, um uns optimal abzumischen. Er durfte sogar die Sagaa-Effektgeräte mitbenutzen. Das nenne ich kollegial.

On Tour mit SAGA

Gruppenbild Saga und Alias Eye

 

Den Tourbus ausladen macht Spass

 

In der gemieteten Wohnung

 

Full House in München

 

Eine heilige - noch leere - Konzerthalle

Im Backstagebereich

Bilder aus Mannheim

Bilder by Günther Weinerth